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Sonntag, 19. Juni 2011

Der Vorname


Der Vor- oder auch Rufname ist ein Bestandteil unseres Lebens. Ein ganzes Leben begleitet er uns in guten wie in schlechten Tagen.

So mancher Zeitgenosse trägt schwer an ihm, hätte er doch lieber einen anderen Namen gehabt. In deswegen zu verdammen würde bedeuten einen Teil von sich selbst zu leugnen.

Wäre es da nicht klüger, so manches Elternherz würde nicht im Egoismus schlagen, sondern in Freude einen gut klingenden Namen hinnehmen.

Der Rufname hält ein ganzes Leben und daher sei er wohl gewählt für eine gute Zukunft.

So manchen Menschen traf ich auf meines Lebenswege leidend, unter Spott und Hohn seines Namens wegen.

Solcherlei muss nun nicht wirklich sein.


© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany


Autor des Romans: „Das Chaos“


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Freitag, 27. Mai 2011

Faltenfüller ist der Knüller

Wer will ewiglich Jugend haben, der muss hin zum Arzte gehen. Spritzen hin und Spritzen her, Spachteln und polieren, dabei mit Garantie dreißig Lenze jünger im Glanz erstrahlen.

Gleich geht es dann so richtig rund mit Hyaluronsäure, Kollagen, Poly-L-Milchsäure , Plasma-Gel, Calcium-Hydroxylapatit, Silikon, Aptos-Fäden, Polymethylmethacrylat oder nur Hyaluronsäure mit Acrylhydrogel. Lasst die Kritiker schreien, Hauptsache wir erscheinen in Kunststoff bunt.

Ein Bauch voller Fett, keine Qual, wird abgesaugt. Hängebäckchen und Mundwinkel werden aufgepolstert. Unscheinbare Lippen werden mit der Spritze zum Hingucker der Saison.

Manches Weib ärgert sich schon lange wegen eines unscheinbaren Vorbaus und so wird ganz schnell, gerichtet und aufgerüstet. Dank Silikon werden wahre Kunstwerke vollbracht. So entsteht aus einem Mauerblümchen, einem hässlichen Entchen in kurzer Zeit ein Männertraum. Für manchen Zeitgenossen kann sich aber dieser Umstand auch zum Alptraum entwickeln.

Was gibt es hier noch groß zu klagen, die Schönheitschirurgie macht alle Träume wahr. Geld spielt dabei keine Rolle.

Einzig und allein herrscht hier nur die Qual der Wahl, welche Träume in Erfüllung gehen. Die Gesellschaft dankt es gern, neues Ansehen, haufenweise Verehrer und vielleicht wird auch jetzt der Traum vom Millionär oder der Millionärin in Erfüllung gehen.

Insofern sind die Faltenfüller jetzt der wahre Knüller. Der letzte Schrei, nach dem Heer der Köche kommen, jetzt die originellsten Modernisierer an Menschenfassaden auf die Mattscheiben dieser Welt.

Es sei den Kunstobjekten vergönnt, demnächst sind Schönheitsoperationen sogar als Renovierungsarbeiten voll von der Steuer absetzbar unter dem Begriff Werbungskosten.

Einziger Wermutstropfen, im Todesfall muss mit einer Sonderentsorgungsabgabe für nicht bzw. schwer abbaubare Substanzen gerechnet werden.

Was soll es, diesen Obolus können dann die lieben Erben bezahlen.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany


Autor des Romans: "Das Chaos"


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Donnerstag, 26. Mai 2011

Erst mit der Sprache kommt die Unruhe über die Wesen

Das Wort gereicht der Sprache zur Lebendigkeit. Aus Wörtern entstehen ganze Sätze und damit oft ein Meer der Unverständlichkeiten. Die Ruhe liegt in der Stille doch mit dem Wort wird die Idylle sehr schnell zur Unruhe.

Das beste Beispiel dafür ist meine Lebensgefährtin Mathilde. Sie versteht es nicht nur ohne Komma und Punkt zu reden, nein, sie beherrscht auch das Chaos. Meist beginnt es ganz belanglos und endet dann in einem verbalen Schlagabtausch bei dem selbstverständlich die Non - verbale Artikulation keineswegs fehlen darf. Sie wäre eine begnadete Schauspielerin geworden, stattdessen ist sie der wahren Berufung gefolgt und arbeitet in Staatsdiensten. Vielleicht kommt daher der bewusste Einsatz ihrer Sprache zum Machtmittel. Falls dieses dann einmal nicht zum erwünschten Erfolg führt, setzt sie ganz geschickt die Tränendrüsen ein.

An einem sonnigen Freitagnachmittag rechnete ich nicht im Geringsten mit einem verbalen Unwetter. Ich freute mich viel mehr auf ein freies Wochenende und einen Ausflug auf dem Fahrrad entlang der Saar. Anschließend eine Rast im Schatten der hohen Bäume in einem der Biergärten am Staden. Im Leben beeinflusst oft der Zufall die Vorhaben und gibt dem Geschehen einen entscheidenden Kick. Mathilde hatte überraschend eine Besichtigungstour von Bekleidungsgeschäften, gelegen in der Saarbrücker Fußgängerzone, beschlossen. Dieser Sinneswandel hob keineswegs meine Laune. Eine Stunde später standen wir genauso schlau, wie zuvor auf der Straße. Ich spürte deutlich eine Spannung in der Luft, die sich entladen musste. An einer Ampelkreuzung nahm das Unheil seinen Lauf. Die Fußgängerampel wurde grün und ich war einfach zu langsam. Eine junge Frau lief auf mich auf und schimpfte mich aus. „Kannst du nicht aufpassen. Das gibt es doch nicht. Du bist ein echter Volltrottel! Mein Gott, Michael.“ Mathilde schaut mich böse von der Seite an. „Was ist das für eine Nummer?“ „Meinst du diesen Rempler von der Tante aus Saarlouis?“ Mathildes Augen funkelten und versprachen nichts Gutes. „Du kennst diese Person? Hast du etwa ein Verhältnis mit ihr?“ Ein leidiges Thema mehr auf unserer Tagesordnung hin zum Wochenende. „Ich habe lediglich an ihrer Aussprache einen Dialekt bemerkt.“ Das reichte Mathilde vollkommen aus, um diese peinliche Szene aufzuwerten. „Hallo, ich habe eine Frage.“ Die junge Frau drehte sich um und meinte grinsend. „Da bin ich jetzt sehr gespannt.“ „Kommen Sie etwa aus Saarlouis?“ „Nein! Ich komme aus Lisdorf.“ „Woher kennen Sie meinen Mann?“ Die Frau grinste frech. „Ei! Mir haben uns gerade nett unterhalten. Jetzt muss ich aber auf den Sankt Johanner Markt dort wartet meine Freundin auf mich.“ Mathilde schaute mich vorwurfsvoll an. „Siehst du, die wohnt in Lisdorf und nicht in Saarlouis.“ „Das haben Sie leider falsch verstanden, ich wohne in Lisdorf und das liegt auch in Saarlouis.“ Die junge Frau eilt davon und Mathilde zieht eine Schnute. „Am besten bist du jetzt ruhig, mein Lieber.“ An der Stelle hielt ich es für besser mich ganz klein zu machen, dabei hätte mich dann fast ein Autofahrer übersehen. Ja, das Leben bietet eben eine Menge an Gefahren und Abenteuer. Am Staatstheater fangen wir unsere Drahtesel ein und können endlich eine Radtour entlang der Saar unternehmen. Während ich mich auf meinen Sattel schwinge, gebe ich wieder ein Lebenszeichen von mir. „Hast du eigentlich gewusst, dass unser Saarland um 1835 dreigeteilt war und daher sicher auch ein Teil der unterschiedlichen Dialekte entstanden beziehungsweise verstärkt wurde.“ Mathilde dreht kurz ihren Kopf zu mir. „Falls du meinst, deine ollen Kamellen interessieren mich, dann hast du dich geirrt.“ Ich gebe noch nicht so schnell auf. „Du bist noch schlimmer wie der deutsch-französische Krieg von 1870-1871. Der Kaiser Napoleon war da höchstpersönlich vor Ort.“ Mathilde ruft mir zu. „Was hat es dem Napoleon gebracht?“ „Auf der Spicherer Höhe hat es fürchterlich gerappelt, immerhin um die 9.000 Tote und Verletzte Soldaten. Übrigens haben die Franzosen beschlossen, am späten Nachmittag die Lust zu verlieren und sind geordnet nach Hause gegangen. Also nach Frankreich wollte ich sagen.“ Mathilde stoppt ihr Fahrrad und steigt ab. „Was hat dieser Blödsinn mit mir zu tun? Willst du vielleicht behaupten ich würde mich wie der Napoleon aufführen?“

An der Stelle empfiehlt sich eine ganz schnelle Schadensbegrenzung, sprich eine plausible und gute Ausrede. „Mathilde, ich wollte nur eine belanglose Unterhaltung führen.“ Mein Fahrrad steht natürlich wie immer mitten auf dem Weg. „Es ist dir absolut gelungen mich zu langweilen mit dem Kram aus der Vergangenheit.“ Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt, meine Birne dürfte jetzt entsprechend sichtbar rot gefärbt sein. Hinter mir ertönt eine laute Frauenstimme. „Aweil langt's awwer. Willschde mir e babbisch Guddsje ans Bään babbe? Schaff mo dappa das Rad do aus dem Weg sonst kannst du deinen Drahtesel auch als Vergangenheit bezeichnen.“ Natürlich bringe ich mein gutes Stück in Sicherheit. Die Frau hinter mir zieht mürrisch an mir vorbei mit der Bemerkung. „Du bist ein Fäzzklobba!“ Das erscheint Mathilde gerade recht und sie schließt sich dem freundlich gestimmten Kommentar an. „Das hast du von deinen großen Vorträgen und dann noch einfach absteigen und das Fahrrad mitten in den Weg stellen.“ „Mathilde, du bist zuerst abgestiegen.“ Das hätte ich besser unterlassen sollen. „Jetzt schlägt es doch alle Neune! Willst du mich wieder für deinen Fehler verantwortlich machen?“ Der Schweiß auf meiner Stirn kommt garantiert nicht von einer sportlichen Bewegung, sondern eher von diesem anstrengenden Thema. „Ich habe mich lediglich bemüht eine vernünftige Konversation zu pflegen.

Im Fazit stelle ich fest: Manchmal ist es besser, die Klappe zu halten.“ Mathilde grüßt mich mit einem Handkuss. „Was du nicht sagst. Es soll Leute geben, die dich für einen Klugscheißer halten. Ich beruhige immer und erkläre, so hell leuchtet er auch wieder nicht.“ Das ist für mich vorläufig genug und ich beschließe tatsächlich ernsthaft, mich nicht mehr in irgendeiner Form des menschlichen Sprachorgans zu bedienen. Das dieses Ansinnen eine Nummer zu groß für mein Ego ist, hätte ich mir doch auch selbst denken können. Spätestens an der Schleuse in Güdingen haben wir die erste Grundsatzdiskussion. Ich weiß, wie Radtouren und Wanderungen enden, wenn zwischen den Wegstrecken zu häufige Rasten eingelegt werden. Mathilde setzt sich durch und bekommt naturgemäß ihre Pause. Logischerweise folgen darauf

auch noch weitere Unterbrechungen um, zu regenerieren. Um es kurz zu machen, wir finden tatsächlich im weiteren Verlauf den Rückweg zu dem von mir ins Auge gefassten Biergarten. Am schönsten ist es doch in einer gemütlichen Runde zu sitzen und abzuschalten, die Seele baumeln zu lassen und vor allem jede Menge Blödsinn von sich zu geben. So viel zu den Möglichkeiten, jetzt ein wenig mehr zu den Fakten. Wir sitzen auf einer Bank, vor uns ein Radler und natürlich eine Brezel und es könnte so richtig entspannend werden.

„Huhu! Habt ihr mich schon gesehen?“ Mathilde grinst über zwei Backen. „Ei, nee! Es Anita kommt.“ Besagte Klatschtante ist ihre beste Freundin und meine meistgemiedene Person. Eine bessere Mischung für einen in vieler Hinsicht unterschiedlich zu bewertenden unterhaltsamen Abend kann es wohl kaum geben. „Anita, du siehst wieder Spitze aus. Warst du beim Friseur?“ „Gell das sieht man.“ Mathilde zeigt ihre Bewunderung. „Die sind aber schön feuerrot geworden.“ „Ich konnte die alte Farbe nicht mehr sehen. Was meinst du dann dazu Michael?“ Als ob ich meine wahre Meinung kundtun würde. „Ich würde sagen es ist eine weithin sichtbare Farbe.“ „Jo, mein Günter hat auch gemeint, so schnell ging mich keiner mit dem Auto überfahren.“ Ich nicke wohlwollend. „Das Gefühl habe ich allerdings auch.“ Anita wechselt schnell das Thema. „Was sagt ihr zu den vielen Stechungeheuer auf dem Radweg? Ich bin noch nie so verstochen gewesen wie in diesem Jahr.“ Mathilde zeigt natürlich auch ihre Wunden. „Michael bist du auch verstochen?“ „Mich mögen diese Tierchen nicht. Außerdem am Fluss ist so etwas ganz normal und der Fahrradweg ist ein alter Treidelpfad.“ Anita nimmt einen großen Zug Weizenbier und ihre Augen werden immer größer. „Was meinst du dann mit Treidelpfad? Was soll das sein?“ Mathilde macht eine mehr als abwertende Handbewegung in meine Richtung. „Du musst Dir nichts aus den Äußerungen dieses Herrn machen, der hat mich heute schon mit der Vergangenheit genervt.“ Anita nickt zustimmend. „Wir sind nicht besonders schlau aber doof sind wir auch nicht. Wie kann man einen Fluss neben einen Radweg legen, absoluter Unsinn.“ Ich versuche mich nicht einzumischen, doch leider ist mein Mundwerk schneller als mein Verstand. „Der Fluss war zu erst da, dann kam der Treidelweg und viel später der heutige Weg. Für die Stechmücken würde ich mir einen Käfig um mein Fahrrad bauen und dann einfach ein Moskitonetz darüber werfen.“ Anita klatscht begeistert in die Hände. „Da wird sich mein Günter freuen, der kriegt gleich einen Forschungsauftrag, ob es möglich ist, mein Fahrrad so umzurüsten.“ Na toll dann kriege ich wohl auch gleich eine Anfrage von meiner Partnerin. Mathilde überrascht mich auf angenehme Weise. „Ich brauche keinen Käfig, ich drücke dem Michael eine Fliegenklatsche in die Hand und dann kann er zuschlagen.“ Anita meint ausgelassen. „Lasst mal die Stadtmitte am Fluss kommen.“ Mathilde weiß direkt eine Antwort. „Das ist zwar interessant nur wer soll diese Geschichte bezahlen?“ „Ei, das ist doch ganz einfach, die Zeche bezahle doch wie immer mir. Was meinst du dazu Michael?“ „Ich weiß nicht, wo das Problem liegt? Die Stadtmitte am Fluss haben wir doch schon.“ Anita ist vollkommen perplex. „Wo soll die sein?“ Ich zeige hinüber zur Saar. „Genau vor deinen Augen, der Fluss fließt doch bereits mitten durch die Stadt.“ „Michael, du hast doch gar keine Ahnung. Es ist doch erst einmal der Plan gemacht worden und dann wird die Stadtmitte am Fluss gebaut.“ „Tut mir Leid Anita und wie heißt der Fluss da vorne?“ „Das mein Bester ist die Saar.“ Ich nicke zustimmend. „Für mich ist für den heutigen Abend so gut wie alles klar.“ Mathilde schüttelt ihre blonde Lockenmähne.„Mein Michael ist ja so gescheit, nur keiner will ihm wirklich zu hören.“ „Ach, du weißt doch wie die Mannsbilder sind, wenn man sie nicht schwallen lässt wie sie wollen, dann sind die Burschen eingeschnappt. Überhaupt wollen die Jungs bei allem mitreden und alles besser wissen.“ Mathilde nickt. „Die Klugscheißerei kann dir echt auf den Wecker gehen. Was ist den jetzt mit dem Treidelpfad?“ Eigentlich habe ich absolut keine Lust mehr auf eine Antwort. „Komm, lass dich nicht so hängen, oder muss ich dir die Würmer einzeln aus der Nase ziehen?“

„Der Treidelpfad war der Weg, auf dem die Rösser die Schiffe über die Saar zogen.“ Anita beginnt lauthals, zu lachen. „Du machst mir Spaß. Rösser ziehen Schiffe an der Saar. Also wirklich eine absolut abgedrehte Vorstellung. Jedes Schiff hat einen Motor.“ „Anita es gibt immer noch Schiffe ohne Motorantrieb, zum Beispiel ein Segelschiff. Früher hatten die Lastkähne noch keine Maschinen an Bord, daher mussten die Boote entweder von Hand oder mithilfe der Rösser entlang der Flüsse gezogen werden.“ Anita entgegnet entrüstet. „Dann bin ich die Kaiserin von China. Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.“ „Mein Gott, das ist Geschichte! Was kann ich dafür, wenn ihr euch nicht dafür interessiert?“ Anita entgegnet wütend. „Wir brauchen keine Geschichte, wir schreiben unsere Zukunft selbst.“ „Ich wünsche viel Spaß bei dieser Sichtweise des Lebens.“ Anita brüllt einem Orkan gleich. „Am Besten, du bist einfach nur ruhig, man kann dir einfach nicht mehr zu hören.“ Sie springt auf und eilt davon. Mathilde schaut ihr erschrocken hinterher. Anschließend mustert sie mich von oben bis unten, so als müsse sie Maß nehmen. „Was hast Du angestellt? Das ist meine beste Freundin!“ Betroffen schaue ich mich um, mindestens tausend, wenn nicht noch mehr Augenpaare starren mich anklagend an. „Ich habe überhaupt kein unangemessenes Wort gesagt. Meine Meinung werde ich doch noch vertreten dürfen.“ Mathilde faucht. „Ja, vor allem musst Du immer das letzte Wort haben.“

„Am Anfang unterhielten sich die Urmenschen in Zeichensprache, doch ihre Partner verstanden die Zeichen oft genug nicht. Anschließend erfanden die Urmenschen den Laut, doch auch der wurde oft genug falsch interpretiert. So ersannen sie eines Tages das Wort und prägten von Stunde an eine neue Ära der Konversation, doch so richtig verstehen sie sich bis heute nicht. Die Worte rauschen an einem vorbei und spätestens ab dem dritten Satz ist das erste gesprochene Wort bereits verloren. Sie streiten, zanken und bekriegen sich oft eines Missverständnisses wegen. Allzu gerne lassen sie sich verkaufen, verzaubern und verfallen der Suggestion und die Unruhe ist der Geist ihrer Zeit. Die Menschen haben die Konversation in Form der Sprache errungen, die Ruhe um sie auch richtig zu benutzen, haben sie leider bis in die heutige Zeit noch nicht gefunden. So irren und verwirren sie sich immer mehr in einer Welt

der Hektik und Unruhe und haben das Ziel den Pol der Ruhe zu finden, offensichtlich längst aus dem Blickwinkel verloren. Wer aber nicht vermag die Ruhe in seine Welt zu bringen, denn wird am Ende die Unruhe in die Knie zwingen.“

Mathilde wirkt besänftigt. „Für dieses Wochenende hast Du Sprachgenie genug Unruhe angezettelt. Jetzt fahren wir mit unseren Rädern nach Hause. Ich habe wie es sich für die Frau gehört das letzte Wort und Du hast jetzt Sendepause.“

Erst mit der Sprache kommt die Unruhe über die Wesen, daher ist es zuweilen klüger erst einmal, zu schweigen und stattdessen das Wort zu lesen. Es tief in seinem Innern reifen zu lassen, um bei der passenden Gelegenheit die Saat auszustreuen, welche dann auch vermag die Frucht der Vernunft zur Reife zu bringen.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Autor des Romans: Das Chaos

Samstag, 7. Mai 2011

Manchmal steht die Zeit still


An einem herrlichen Sommertag verlässt ein alter Mann seine Wohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses im Nauwieserviertel in Saarbrücken. Sein Ziel ist der Staden, eine Parkanlage in der Landeshauptstadt, direkt gelegen an der Saar. Sein Weg führt immer hierher sogar an bitterkalten Wintertagen.

Früher als seine Frau noch lebte, hat sie ihn oft begleitet, dann saßen sie bei gutem Wetter stundenlang auf der Parkbank an ihrer Saar.

Leider hat seine Frau ihn vor zwei Jahren für immer verlassen, jetzt ist er nur noch allein mit sich und seinen Erinnerungen.

Die Saar war über viele Jahrzehnte seine Heimat gewesen, schon als kleiner Junge begleitete er oft seine Eltern, vor allem in den Schulferien. Sein Vater fragte ihn meist. „Und Gottfried, was wirst Du von Beruf, wenn Du ein Mann bist?“

Er antwortete dann immer. „Papa, ich werde natürlich Saarschiffer genauso wie Du!“ Sein Vater nahm sich dann meist eine Gitanes aus der Zigarettenpackung und rauchte erst einmal ein paar Züge, ehe er sich dann zu einer Antwort durchgerungen hatte.

„Weißt Du, Gottfried, das wird von Jahr zu Jahr schwerer auf diesem Fluss. Ich habe in deinem Alter noch meinem Vater zugesehen, wie er mit seinen Leuten das Boot entlang des Treidelpfades gezogen hat. Wir hatten zwar Rösser aber die Arbeit mein Junge war dennoch schwer. Ein paar Jahre später hat mein Vater unser Schiff hier gekauft. Wir hatten zwar ein großes Schiff mit einer starken Maschine aber unsere Schulden waren keineswegs gering. Es gab Tage an denen war unser Essenstisch sehr bescheiden.“

Gottfried meinte dann immer. „Papa, die Zeiten ändern sich, heute geht es uns doch viel besser. Wir haben ein Auto. In ein paar Jahren haben wir

eine ganze Schiffsflotte.“

Sein Vater musste dann immer laut lachen und Mutter streckte den Kopf aus der Kombüse und rief.

„Josef, höre mir bloß damit auf, dem Jungen Flausen in die Ohren zu setzen. Du weißt, wie hart wir unser Brot verdienen.“

Der Vater lachte dann meist noch lauter. „Herr Gott, Mariechen, ich versuche es ihm doch auszureden. Der Junge ist halt ein echter Saarschiffer!“

Seine Mutter war dann meist noch wütender. „Josef mache unseren Buben nicht unglücklich. Der soll ein besseres Leben haben.“

Der alte Mann hatte seine Parkbank erreicht und setzte sich mit einem Lächeln nieder.

Seine Mutter war eine Seele von Frau gewesen und sie hatte es wirklich nur gut mit ihm gemeint. Gottfried aber hatte andere Ziele und die hießen, Schiffer werden. Alle Versuche seiner Mutter, ihm eine andere Zukunft auszumalen, waren für ihn undenkbar. Die arme Frau hatte schließlich an jenem Tag verloren, an dem Gottfried für sich die Liebe zu einem Mädel entdeckte.

Unter der Brücke von Sarreguemines geschah dies an einem Sommertag. Sie stand vor dem Schiff ihres Vaters und blickte ihn wütend an. Er hatte sie nicht bemerkt und war gegen ihr Fahrrad gelaufen. Die Einkaufstasche auf dem Gepäckträger des Rades fiel zu Boden. Da lagen nun das Baquette und der Käse und die zerbrochene Rotweinflasche am Boden. Der Schiffer kam zu ihnen und sah sich die Bescherung an. Er blickte zu seiner Tochter und dann zu Gottfried. Dann sprach er.

„Ihr zwei seit mir ein schönes Paar, habt Ihr nur noch Augen für Euch im Kopf oder was ist los?“

Josef kam von seinem Schiff herüber und entschuldigte sich für seinen

Sohn. „Wir ersetzen den Schaden, Monsieur. Ich heiße Josef Wagner“ Der Mann blickte ihn groß an. „Mais oui, Monsieur Josef, weißt Du noch, wie wir damals Schläge von unseren Vätern bekamen, weil uns die Rösser auf dem Treidelpfad fast verloren gingen?“

Josef griff sich an seine Stirn und brüllte. „Mensch, der Jacques Legrand, das ist schon so lange her, ich habe Dich nicht mehr erkannt. Ist das deine Tochter?“ Jacques nickte voller Stolz.

„Das ist meine Lucie.“

Lucie lächelte und es war der schönste Augenblick dieses Lebens für

Gottfried. Ab jenem Tag waren sie unzertrennlich und ihr weiteres Leben stand fest. Sie würden die Tradition der Saarschiffer fortsetzen.

Zwei Jahre später haben sie geheiratet. Im Jahr darauf hatten sie ihr eigenes Schiff, die Lucie. Es war das schönste Schiff auf der Saar und immer tiptop gepflegt und sauber. Bei ihnen konnte ein Besucher sprichwörtlich vom Boden essen. Die ersten Jahre liefen gut, viel zu gut. Sie hatten immer Fracht und schipperten die Saar hinunter über den Saar-Kohle-Kanal zum Rhein-Marne-Kanal und oft führten diese Fahrten ins Ruhgebiet und manches Mal sogar nach Rotterdam.

Gottfried stehen die Tränen in seinen Augen, während die Jugend im Fluss der Tränen erneut vor seinem Auge verwelkt, wie war diese Zeit mit Lucie so schön gewesen. Manchmal aber stand die Zeit auch in dieser Vergangenheit still, wenn das Hochwasser oder extremes Niedrigwasser eine Weiterfahrt verhinderte. Diese Zeiten nutzten sie damals nur für sich, gemeinsam erkundeten sie das Elsass, kletterten durch die Vogesen oder waren in Luxemburg, Belgien, eben gerade, wo ihr Schiff sozusagen gestrandet war, gemeinsam Hand in Hand unterwegs.

Ja, sie hatten ihr Leben genossen und es gab nichts was sie hätten bereuen müssen.

Was dann geschah, konnten sie nicht verhindern, sie hatten in der schweren Zeit noch großes Glück gehabt. Es war ihnen gelungen die beiden Schiffe der Eltern zu verkaufen und nach deren Tod war noch genügend geblieben, um nicht mittellos zu werden. Die schönen Zeiten hatten sich gewandelt, es kam die Stahlkrise.

Die Stahlkocher wurden von ihren Hochöfen weggespült und die Frachtraten gingen dramatisch zurück. Das schwarze Gold wurde auch immer weniger und am Ende waren sie froh, wenn sie wenigstens noch gerade so über die Runden kamen.

An einem Sonntagmorgen saßen sie auf dem Saar-Kohle-Kanal fest mit einem Maschinenschaden. Lucie nahm es gelassen, deckte den Frühstückstisch und meinte sie müssten eine Entscheidung treffen.

Gottfried hatte sich vor diesem Augenblick gefürchtet.

Lucie ließ keinen Zweifel aufkommen, es war an der Zeit der Saar-Schifffahrt „lebe wohl“, zu sagen. Für Gottfried war dieser Sonntagmorgen hart. Eine Wasserratte war nun einmal keine Landratte.

Am Ende aber siegte die weibliche Vernunft und die Erkenntnis, dass es keinen Sinn ergab, die Ersparnisse für das Alter in eine ungewisse Zukunft zu stecken. Sie verkauften ihr Schiff und zogen in die Stadt.

Es war Lucie, die unbedingt eine preiswerte Wohnung wollte. Wussten sie, was noch kommen sollte? So zogen sie in das Nauwieserviertel, statt eines Autos, gab es zwei Räder und ansonsten fuhren sie mit den Straßenbahnen im Saartal. Er war stolz eine so kluge und bescheidene Frau an seiner Seite zu wissen.

Gottfried schaut auf seinen Fluss und könnte er die Zeit noch einmal durchleben, die Zeit würde länger stehen bleiben in den guten Jahren. Nein, da ist kein Groll, er hat eine sehr gute Frau gehabt, nur die Zeit ihres gemeinsamen Lebens war zu kurz und seine Zeit allein vielleicht zu lang. Langsam erhebt er sich von der Bank, ein paar Schritte hin zum Fluss. In einer Plastiktüte hat er wie so oft Brotreste. Er wirft sie in hohem Bogen den Enten in der Saar zu. Einige Minuten schaut er noch dem Treiben im Wasser zu, dann wendet er sich ab.

Sein Weg führt ihn zurück, in seine einsame Wohnung. Seine Brust aber ist voller Stolz, er war schließlich ein echter Saarschiffer, einer von dem alten Schlag. Seine Liebe zur Saar ist nie erloschen genauso wenig wie die Liebe zu seiner Lucie. Darum wird er auch Morgen wieder auf seiner Bank an der Saar im Staden sitzen, allein und seine Gedanken werden eintauchen in seine gute alte Zeit.

© Bernard Bonvivant, Schriftsteller, Germany

Autor des Romans „Das Chaos“